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NORANDINO – Kakao und mehr aus Peru



NORANDINO (ehemals CEPICAFE) ist eine Erfolgsgeschichte. Aus einer Vereinigung mit 200 Gründungsmitgliedern im Jahr 1995 ist inzwischen ein Verband geworden, dem mehr als 7.000 Familien angehören. Sie alle leben in der Sierra Piura, dem Teil der Anden im äußersten Norden von Peru.

NORANDINO ist zu einer echten Bauernbewegung geworden, die sich seit vielen Jahren auf den Fairen Handel und die Zusammenarbeit mit ETHIQUABLE stützt, um eine stabile Basis zu schaffen und ihr alternatives Modell auf- und auszubauen.

Bio-Landwirtschaft und soziale Verantwortung bildeten von Anfang an die Basis des Handels von NORANDINO. Die Organisation hat heute eine echte wirtschaftliche Relevanz in der Region. Sie verhandelt mit dem Staat und Kommune vor Ort über Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte. Damit ist NORANDINO zu einer hörbaren Stimme der Kleinbauern geworden.

Trotz der Hanglagen und oft wenig fruchtbaren Böden ist die Bergregion bei Piura von einer hohen Bevölkerungsdichte geprägt. Es handelt sich jedoch um eine benachteiligte Region, die im Vergleich zur Küstenebene als weniger produktiv gilt und daher von der öffentlichen Politik vernachlässigt wird.

Die Sierra de Piura ist ein abgelegenes Gebiet, in dem Straßen, Schulen und Gesundheitseinrichtungen weitgehend unzureichend sind. Seit einigen Jahrzehnten führt die Armut der Bauern in der Region zu einer großen Landflucht in die großen Städte.

Der Aufbau einer Organisation von 7000 Kleinproduzenten

NORANDINO zeigt, dass es eine Alternative zur Landflucht gibt. Seit der Gründung in den 1990er Jahren hat die Genossenschaft viele Initiativen von Landwirten in benachbarten Regionen unterstützt, insbesondere beim Zugang zu internationalen Märkten.

Seit der Kolonialzeit ist die Region sehr stark auf den Kaffeeanbau spezialisiert. Die in NORANDINO zusammengeschlossenen Kleinbauern hatten jedoch den Anspruch, ihre Parzellen zu diversifizieren und weitere Produkte anzubauen, die im In- und Ausland vermarktet werden können. Dadurch reduzieren sich die finanziellen und ökologischen Risiken einer Monokultur. NORANDINO hat sich zunächst auf zwei weitere Dinge konzentriert: Zuckerrohr für die Produktion verzehrfertigen Zuckers (panela) und Früchte, die lokal zu Konfitüren verarbeitet werden.

2007 entschied sich NORANDINO schließlich, auch Kakao stärker in den Fokus zu nehmen. Denn er wird seit vielen Jahren in Piura angebaut. Arabica-Kaffee wird in Piura ab etwa 800 Metern Höhe angebaut und Kakao ist oft die wichtigste Kultur auf den Parzellen unterhalb dieser Höhe. Durch den Zusammenschluss mit anderen Genossenschaften kamen schließlich noch weitere Kakao-Anbaugebiete wie bspw. die Region Tumbes dazu.

Enorm gewachsen, aber nah an der Basis

Obwohl die Organisation inzwischen auf mehr als 7000 Produzenten angewachsen ist, hat es NORANDINO geschafft, sich nicht von der breiten Basis zu entfremden. Wichtige Entscheidungen werden nicht einfach im Büro in Piura getroffen, sondern nach wie vor von engagierten und besonders aktiven Mitgliedern. Eine ausgeprägte Diskussionskultur ist ein Markenzeichen von NORANDINO.

Die Größe und Professionalisierung der Genossenschaft haben es nötig gemacht, viele Fachkräfte einzustellen: Buchhalter, Agronomen, Qualitätsmanager und Betriebsleiter für die Verarbeitungseinrichtungen. Alle haben jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf dem Land aufgewachsen und meistens Kinder von Kleinbauern. Sie kennen also die Realität in den Kommunen und haben ein Bewusstsein für den Alltag der Produzenten.

Der besondere Geist NORANDINOs ist historisch bedingt

Die Vereinigung entstand auf Initiative einer Gruppe von Jugendlichen aus der Region Santo Domingo. Sie gehören zur ersten Generation der Kinder von Kaffeeproduzenten, die es in den frühen 1990er Jahren geschafft haben, sich an er Universität einzuschreiben und Agronomen oder Ökonomen zu werden.

Leute wie die beiden Brüder Caesar und Santiago Paz oder auch José Rojas, Martin Martinez und Yeny Robledo sind es, die ihre an der Uni erworbenen Kenntnisse nun in den Dienst der Genossenschaft stellen. Sie arbeiten eng mit den Vorständen der Basiskooperativen zusammen und haben es zusammen mit ihnen möglich gemacht, eine ebenso professionelle wie basisdemokratische Organisation zu schaffen.

Jahrelange Arbeit in den Kommunen, viele Diskussion und ständiges Reflektieren der eigenen Arbeit haben NORANDINO zu dem gemacht, was es heute ist. Die Vereinigung besteht aus Basisorganisationen, die in die traditionellen Gemeinschaftsstrukturen eingebettet sind und jeweils 20 bis 40 Familien aus derselben Gemeinde zählen.

Jede Basiskooperative organisiert die Kaffeeernte und die Qualitätskontrolle selbst. Auch die ersten Verarbeitungsschritte des Zuckerrohrs übernehmen die Gruppen selbst. Sie verfügen über eigene Mittel, um ihre Aktivitäten und die nötigen Infrastruktur zu finanzieren.

Der Verwaltungsrat von NORANDINO ist für die alltägliche Arbeit zuständig, aber wichtige Entscheidungen werden immer von den Basiskooperativen gemeinsam getroffen. Die soziale Kontrolle und der Solidaritätssinn haben in den andinen Gemeinschaften eine lange Tradition. Davon profitiert NORANDINO ganz besonders.

Lokal, national und international anerkannt

Die Expertise, die sich NORANDINO inzwischen im Hinblick auf Handel, Export und Weiterverarbeitung erarbeitet hat, ist der ganze Stolz der Bauern im nördlichen Peru. Denn sie wurden von den Eliten der Küste lange als rückständig betrachtet und haben nun sehr erfolgreich eigene Strukturen und Kompetenzen aufgebaut.

Seit 2003 konnte NORANDINO wesentliche Veränderungen in den Produktionsmethoden und in der Lebensgestaltung in der Region bewirken. Auf lokaler Ebene unterstützen die Gemeinden in der Region Piura das Projekt, indem sie zum Beispiel finanzielle Mittel zur Kofinanzierung von Trocknungsanlagen, Straßenbauprojekten und der Sanierung von Bewässerungssystemen bereitstellen.

Auf nationaler Ebene ist NORANDINO in den wichtigsten Kaffee- und Genossenschaftsverbänden vertreten. Dort setzen sich die Vertreter der Kooperative für die bäuerliche Bio-Landwirtschaft ein. Der Staat schenkt den Forderungen und Vorschlägen der großen Unternehmen oft mehr Aufmerksamkeit, aber auch die Kooperativen konnten schon Erfolge verbuchen.
Sie haben zum Beispiel erreicht, dass bestimmte Steuerbefreiungen für Genossenschaften und Kleinbauern erhalten geblieben sind.
Zusammen mit anderen Organisationen hat sich NORANDINO sehr aktiv an der Gründung des nationalen Fair-Trade-Netzwerks beteiligt. Das Ziel der „Coordinadora Nacional de Comercio Justo“ ist die Wahrung der Grundprinzipien des Fairen Handels. Das Netzwerk spricht sich zum Beispiel vehement gegen die Fair-Trade-Zertifizierung des größten peruanischen Exportunternehmens aus, weil dessen Handel nach Ansicht des Netzwerks im Widerspruch zur Arbeit der Produzentenorganisationen steht.

Kaffee ist der Motor NORANDINOs

Als NORANDINO in den frühen 1990er Jahren gegründet wurde, war die Sierra de Piura eine verarmte und vernachlässigte Region. Wegen der hohen Bevölkerungsdichte standen den meisten Bauernfamilien nur kleine Parzellen zur Verfügung. Darauf bauen sie bist heute in Mischkulturen eine große Vielfalt an Lebensmitteln zur Selbstversorgung an: Kartoffeln, Bohnen, Bananen, Mais und Obstbäume. Die Kaffeesträucher wiederum sorgen für ein monetäres Einkommen.

Jene Bauern, die genügend Fläche haben, produzieren auch Tierfutter und halten sich ein paar Kühe, sofern sie das Geld aufbringen, sich die Tiere anzuschaffen. Milch und Käse ergänzen dann das Familieneinkommen.

Früher waren viele Bauern zusätzlich darauf angewiesen, als Tagelöhner auf Plantagen zu arbeiten oder in der Nebensaison in den Städten zu arbeiten. Für ihre Kinder war die Flucht in die Stadt oder ins Amazonasgebiet lange Zeit die vermeintlich einzige Zukunftsperspektive.

Die Parzellen mit Kaffee waren alt und unproduktiv. Insgesamt produzierte die Region qualitativ minderwertigen Kaffee. Er wurde einfach in der Sonne getrocknet und weder fermentiert noch gewaschen. Zwischenhändler zogen im Auftrag der regionalen Großhändler von Ort zu Ort, um den Bauern ihren Kaffee direkt abzukaufen. Die Preise waren schlecht, aber die Bauern hatten keinen eigenen Zugang zum Markt und verkauften ihre Ernte trotzdem den Zwischenhändlern.

Seitdem NORANDINO 1995 damit begonnen hat, Qualitätskaffee an Fair-Trade- und Bio-Importeure zu verkaufen, profitieren die Bauern von signifikant höheren Preisen. Auch während des beispiellosen Preissturzes von 2001 bis 2005 konnte NORANDINO bessere Preise zahlen, ob seinerzeit nur etwa 30 Prozent der Ernte an Akteure des Fairen Handels verkauft wurden.

Ab 2005 stieg der Anteil der fairen Verkäufe allmählich und erreicht heute fast 100 Prozent der gesamten Ernte der NORANDINO-Bauern. Auch in Zeiten hoher Weltmarktpreise schafft es die Genossenschaft, den Bauern etwa 20 Prozent mehr zu zahlen als die Großhändler. Unterschreitet der Preis jedoch den vom Fairen Handel garantierten Mindestpreis, beträgt der Unterschied zu lokalen Aufkäufern schnell etwa 30 Prozent.

Die besseren Preise motivieren die Kleinbauern, mehr Zeit und Geld in ihre Parzellen zu investieren. Mit Hilfe der Techniker der Genossenschaft verändert sich das Produktionssystem der Bauern einer ganzen Region radikal. Sie erneuern ihre Parzellen, richten eigene Baumschulen ein und erhöhen die Dichte der Kaffeesträucher. Wo früher maximal 1500 Sträucher pro Hektar standen, sind es jetzt bis zu 6000.

Die Pflege der Schattenbäume, die Kompostierung und das Jäten des Unkrauts sind neue Techniken, die mehr Arbeit erfordern, aber viel bessere Erträge ermöglichen. Aus 200 kg pro Hektar sind inzwischen 500 oder mitunter sogar 1000 kg pro Hektar geworden. Das hat die wirtschaftliche Situation der Kleinbauern deutlich verbessert.

Genossenschaften beherrschen den Kaffeemarkt

In der Sierra de Piura geben Genossenschaften inzwischen den Ton an und kaufen fast den gesamten verfügbaren Kaffee der Kleinbauern auf. Nahezu alle Produzenten in der Region haben sich an dieser kleinen Revolution beteiligt.

Die Aufbereitung des Kaffees hat sich völlig verändert. An die Stelle des schnellen und wahllosen Trocknens der Kaffeebohnen ist eine nasse Aufbereitung getreten. Damit kommt die Qualität der Arabica-Kaffees in Piura optimal zur Geltung. Jeder Erzeuger muss nun allerdings strenge Regeln einhalten: selektives Pflücken roter Kaffeekirschen, vorsichtiges Entfernen der Schale, Fermentieren und Waschen sowie Trocknen auf Bambusgestellen oder Betonflächen. Diese neuen Techniken erfordern viel mehr Arbeit als früher. Aber sie sorgen für eine tolle Qualität und schließlich einen höheren Verkaufspreis.

In einer Wirkungsstudie wurde 2006 untersucht, wie sich das Leben der Bauernfamilien zwischen 1997 und 2006 verändert hat. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich die Einkommen mehr als verdoppelt haben. Bessere Preise und höhere Erträge waren die Hauptgründe dafür. Daraus resultiert vielfach eine neue Dynamik. Denn viele Produzenten nutzen die Einnahmen, um in ihre Betriebe zu investieren und beispielsweise mit der Viehhaltung zu beginnen.

Die wichtigste Veränderung betrifft hingegen die Jugendlichen: Sie profitieren inzwischen von viel besseren Ausbildungsmöglichkeiten. Denn das war der Bereich, in den die Kleinbauern und ihre Familien seit der Gründung der Kooperative vorrangig investiert haben.

In aller Kürze

  • Partner seit 2003
  • Im Jahr 2003 hatte CEPICAFE 200 Mitglieder.
  • Heute sind es mehr als 7.000 Produzenten, weil sich andere Genossenschaften der Region angeschlossen haben.
  • Der Verband heißt nun NORANDINO.
  • tätig in der Region Piura
  • Produktionsgebiet von der Pazifikküste bis zu den Anden
  • Kaffee, Kakao, Zuckerrohr und Früchte sowie Grundnahrungsmittel (Bohnen, Mais usw.) und Vieh

Vor Ort

Unser Mitarbeiter Nicolas Eberhart (Agrarwissenschaftler) hat das Projekt mitinitiiert und begleitet es vor Ort.

Produkte von NORANDINO bei ETHIQUABLE

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