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FECCANO – Kakao aus Haiti



Haiti ist nicht nur das ärmste Land der nördlichen Hemisphäre, das wir betrachten, wenn ein Hurrikan es verwüstet. Es ist auch ein Land, in dem alte, für die Karibik typische Kakaobäume kultiviert werden. Aber in der Vergangenheit wurden die 4000 Tonnen Kakaobohnen, die jedes Jahr geerntet wurden, im Gegensatz zum Kakao anderer karibischer Länder nicht auf dem Weltmarkt bewertet. Haitianischer Kakao war ausschließlich für den Massenmarkt bestimmt und wurde dort zu entsprechend schlechten Preisen verkauft.

Das hatte auch einen Grund. Denn auf Haiti war es nicht üblich, den Kakao zu fermentieren. Ohne diesen essentiellen Verarbeitungsschritt entfaltet der Kakao aber nicht sein volles Aroma. Das tolle Potenzial der Bohnen wurde also nicht genutzt. Das ETHIQUABLE-Projekt in Zusammenarbeit mit der Genossenschaft FECCANO veränderte die Situation grundlegend. Im Jahr 2015 wurde der Kakao der Kooperative bei den International Cocoa Awards bereits mit dem Prädikat „Cocoa Of Excellence“ ausgezeichnet.

Kakao in der Krise

Die jährliche nationale Kakaoproduktion auf Haiti wird auf 4.000 bis 6.000 Tonnen geschätzt. Im Vergleich zu anderen produzierenden Ländern wie der benachbarten Dominikanischen Republik ist das ein verschwindend geringer Wert. Denn dort wird mit 50.000 Tonnen pro Jahr 12 Mal mehr Kakao geerntet. Für die haitianische Wirtschaft spielt der Kakao dennoch eine große Rolle. Denn er ist eines der wenigen Exportgüter, die dabei helfen, die stark negative Handelsbilanz des Landes auszugleichen.

Trotzdem spielte der Kakao in den vergangenen Jahrzehnten auf Haiti weder für die Regierung noch für die vielen NGOs eine besondere Rolle. Die Produzenten erhielten keine technische Unterstützung und keine relevanten Fördermittel. Die haitianischen Kakaobauern hatten keinen eigenen Marktzugang und waren den Zwischenhändlern komplett ausgeliefert.

Die unsichere Situation im Land, die Naturkatastrophen und die Wirtschaftskrise der vergangenen 20 Jahre haben dazu geführt, dass frühere Exportsektoren praktisch verschwunden sind. Viele Exporteure haben ihre Tätigkeit aufgegeben und stattdessen mit dem Import von Lebensmitteln und Fertigwaren begonnen.

Abgesehen von ein paar ganz kleinen Unternehmen gibt es auf Haiti im Wesentlichen nur zwei Kakaoexporteure, die den Inselstaat untereinander aufgeteilt haben. Unter diesen Bedingungen agiert Haitis Kakaosektor nahezu unabhängig von internationalen Marktpreisschwankungen. Die Preise für Kakao sind sehr niedrig und erreichen gerade einmal 50 Prozent des Preises, der für Qualitätskakao im Nachbarland Dominikanische Republik bezahlt wird. Preiserhöhungen auf dem Weltmarkt werden gar nicht oder nur teilweise an die Erzeuger weitergegeben. Seit der Öffnung der Märkte existieren solche Bedingungen in keinem anderen Land Lateinamerikas mehr.

Der haitianische Kakao hat einen bemerkenswerten Charakter. Seine fruchtigen Aromen sind auf die alten von den Bauern kultivierten Sorten zurückzuführen, aber auch auf einen Boden, der für die Produktion eines hochwertigen Kakaos gut geeignet ist.

Kakao aus lebendigen Agroforstsystemen

Kakaoanbau in Haiti ist keine Monokultur, sondern die Frucht eines Agroforstgartens, in dem Kakaobäume zusammen mit vielen anderen Pflanzen gedeihen. So werden zum Beispiel Nahrungsmittel wie die Yamswurzel im Schatten von Kakaobäumen angebaut. Auch Kochbananen, Maniok, Bohnen und Mais sowie Obstbäume finden sich dort. Sie dienen der Selbstversorgung, werden als Tierfutter verwendet oder mitunter auch auf dem Markt verkauft.

Die große Vielfalt ermöglicht dem Landwirt und seiner Familie, Risiken zu begrenzen, indem die Produktion so weit wie möglich diversifiziert wird. Die meisten Kleinbauern haben somit sowohl eine der Selbstversorgung dienende Nahrungsmittelproduktion (Knollen, Erbsen, Bananen usw.) als auch ein gewisses monetäres Einkommen durch den Verkauf von Produkten wie Kakao oder Früchten. In den Höhenlagen spielt der Kaffeeanbau eine wichtige Rolle, in den tieferen und feuchteren Gebieten ist es eher der Kakao.

Den Kakaoanbau in Haiti zu fördern, bedeutet daher nicht, eine Monokultur oder Intensivierung zu fördern, die der Ernährungssicherheit entgegensteht. Ganz im Gegenteil: Die gezielte Unterstützung der Vermarktung hochwertigen Kakaos sichert den Fortbestand der wertvollen Agroforstsysteme.

Eine verbesserte Einkommens- und Lebenssituation

Die Familienbetriebe, die auf Haiti Kakao produzieren, haben oft nur 1.000 bis 3.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Kleinbauern mit zwei bis drei Hektar Fläche bilden eher die Ausnahme. Obwohl die Bauern in den Kakaogebieten nicht ganz so arm wie ihre Kollegen trockeneren Gebieten sind, haben sie aufgrund der kleinen Parzellen nur sehr begrenzte Verdienstmöglichkeiten.

Das Einkommen einer Bauernfamilie liegt in der Regel zwischen 500 bis 1000 US-Dollar pro Jahr, 50 Prozent davon stammen direkt aus dem Verkauf von Kakao. Diese Bareinkünfte ermöglichen im Idealfall den Zugang zu Grundnahrungsmitteln wie Reis und Öl sowie die Abdeckung grundlegender Bedürfnisse wie etwa Bildung, Kleidung oder rudimentäre Gesundheitsversorung.

Die Genossenschaft FECCANO tut alles dafür, die Kleinbauern aus ihrer prekären Situation zu befreien. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei die Aufwertung des Kakaos, damit die Produzenten ihre Ernte zu besseren Preisen verkaufen können.

Aktiver Umweltschutz durch Nutzung

Haiti war einst mit Waldgärten bedeckt. Der Mix aus Kaffee, Kakao oder Obstbäumen schützte den Boden und machte es möglich, auch an steilen Händen Landwirtschaft zu betreiben. Doch die Vegetationsdecke ist nach und nach verschwunden. Das führt zu einer starken Bodenerosion und mitunter zu verheerenden Fluten.

Diese Umweltzerstörung in Haiti ist unbestritten die Folge aller Krisen, die die Insel im letzten Jahrhundert erlebt hat. Die ersten Opfer der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen sind die Bauern, die 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Umweltzerstörung und Verarmung der Bauern hängen unmittelbar miteinander zusammen. Aufgrund ihrer prekären Lage waren viele Familien gezwungen, ihre Bäume zu fällen, um daraus Holzkohle als Brennstoff zum Kochen herzustellen. Kaffee- oder Kakaoparzellen wurden sukzessive aufgegeben, um stattdessen schnellwachsende Pflanzen zur Selbstversorgung anzubauen.

Schlechte Preise und unsichere Vermarktungswege für Kaffee und Kakao verstärkten dieses Phänomen. Die Ernährungssituation der Familien hat sich dadurch aber keineswegs verbessert. Stattdessen hat sich das Produktionspotenzial der landwirtschaftlichen Betriebe verschlechtert, wodurch sich die prekäre Lage der Bauern manifestiert.

Den Kakaoanbau in Haiti zu stärken, bedeutet daher auch, Schutzpflanzen wiederzugewinnen, die Böden und Wasserquellen in Bergregionen erhalten. Wenn Kaffee- und Kakaoanbau auf Haiti gezielt unterstützt würden, könnten die Waldgärten wieder profitabel betrieben werden. Kakao war einst in allen Feuchtgebieten der Insel präsent. Doch es sind nur noch wenige Kakaozonen wie etwa der Tätigkeitsbereich von FECCANO im Norden erhalten geblieben. Wer dorthin kommt, lässt den Blick über eine Landschaft schweifen, die von Bäumen geprägt ist. So müsste es wieder auf der ganzen Insel aussehen.

FECCANO verändert den haitianischen Kakaomarkt

Im Verband FECCANO haben sich sechs Basiskooperativen mit insgesamt mehr als 3000 Mitgliedern im Norden Haitis zusammengeschlossen. Die Gründung der Basisgenossenschaften erfolgte bereits in den 1980er Jahren als Ergebnis eines Hilfsprojekts der mennonitischen Hilfsorganisation MEDA. Das Ziel des Projektes war es, die Vermarktung von Kakao zu verbessern. Damals übernahmen die Genossenschaften im Endeffekt die Rolle eines Zwischenhändlers. Sie sammelten den unfermentierten Kakao ein, trockneten ihn auf eigenen Betonflächen und verkauften ihn an die Exporteure.

Im Jahr 2002 beschloss die haitianische Nichtregierungsorganisation SEFADES, die Kakaoproduzenten zu unterstützen und einen Dachverband für die sechs Genossenschaften im Norden ins Leben zu rufen: FECCANO. Mit Mitteln aus einem Fonds für internationale Zusammenarbeit konnte ein Team von SEFADES die Gründung und Organisationsentwicklung von FECCANO unterstützen. 2003 erhielt der Kooperativenverband die Fairtrade-Zertifizierung. Zwei Jahre lang wurde nicht fermentierter Kakao von FECCANO nach Holland exportiert. Als der Projektzeitraum endete, fielen die Genossenschaften wieder in ihre alte Rolle als Zwischenhändler für die Exporteure zurück.

Im November 2007 besuchten Vertreter von ETHIQUABLE und der französischen Nichtregierungsorganisation Agronomes et Vétérinaires Sans Frontières (AVSF) zum ersten Mal FECCANO. Es zeigte sich, dass die Basiskooperativen weiterhin gut funktionierten, aber keine eigenen Exporte mehr stattfanden. Eine der Genossenschaften, CAPUP, zählte 530 Mitglieder und vermarktete fast 150 Tonnen Kakao pro Jahr.

Die gute Arbeit der Basiskooperativen und der Ehrgeiz, sich trotz schwieriger Bedingungen zu behaupten und weiterzuentwickeln, waren sehr beeindruckend. Deshalb entschied ETHIQUABLE, 2009 erstmals 14 Tonnen Kakao von FECCANO zu importieren.

Seitdem kaufen wir jede Saison Kakao. Die Einkäufe von ETHIQUABLE belaufen sich inzwischen auf etwa 50 Tonnen Kakao pro Jahr und wir verarbeiten die Bohnen von FECCANO in verschiedenen Schokoladen sowie auch zu Kakaopulver.

Bevor der erste Export stattfinden konnte, mussten sich Mitarbeiter und Mitglieder der Kooperative sich zunächst weiterbilden, um den Kakao optimal fermentieren zu können. Die Fermentation von Kakao ist technisch nicht besonders kompliziert, aber sie erfodert viel Erfahrung und Präzision. Da es in Haiti dazu kein lokales Know-how gab, entschieden wir uns dazu, einen peruanischen Produzenten der Genossenschaft NORANDINO einzuladen, damit er sein Wissen über den Fermentationsprozess an die haitianischen Produzenten weitergibt.

Er war 2009 für mehr als zwei Wochen vor Ort, um Gärbehälter zu errichten und den Kakaobauern zu zeigen, wie sie konkret vorgehen müssen. Dieser Erfahrungsaustausch zwischen den Produzenten des Südens wurde 2010 fortgesetzt, als ein ecuadorianischer Techniker FECCANO besuchte. Der Aufwand hat sich gelohnt: Während im Jahr 2009 mehr als 60 Prozent der Bohnen der Kooperativen lila und somit nicht ausreichend fermentiert waren, liegt dieser Anteil heute nur noch bei etwa 25 Prozent. Innerhalb weniger Jahre haben es die Produzenten im Norden Haitis geschafft, einen feinen und aromatischen Ursprungskakao zu liefern. Das ist ein toller Erfolg.

Im Juli 2011 erreichte FECCANO den nächsten Meilenstein und erhielt die Bio-Zertifizierung. In einem Land wie Haiti, in dem Landwirte eigentlich keine Chemikalien einsetzen, bringt die Bio-Zertifizierung eigentlich keine Veränderungen in der Bewirtschaftung der Felder mit sich. Aber der enorme Formalismus war in einer von Analphabetismus geprägten Region eine große Herausforderung. Es muss ein System der Rückverfolgbarkeit geschaffen werden. Jeder Produzent führt ein Notizbuch, in dem er Aktivitäten und Erntemengen vermerkt. Per GPS werden die Parzellen kartiert und ein internes Kontrollsystem sorgt dafür, dass regelmäßige Feldkontrollen durchgeführt werden.

Ende 2011 war FECCANO der erste Exporteur von zertifiziertem Fair-Trade- und Bio-Kakao aus Haiti. Zunächst war ETHIQUABLE der einzige Käufer des fermentierten Bio-Kakaos von FECCANO. Aber im Jahr 2012 gelang es dem Verband, einen zweiten Käufer zu interessieren. Dadurch kann sich die Produzentenvereinigung sicherer und nachhaltiger entwickeln. Denn einseitige Abhängigkeiten sollen vermieden werden.

Erfolge der Partnerschaft

1. Eine gereifte Organisation

Durch den Beginn des Projekts wurde FECCANO neues Leben eingehaucht. Das demokratische Leben der Organisation wurde durch zwei Vorstandswahlen und viele Versammlungen reorganisiert. Die AVSF-Unterstützung hat dazu beigetragen, ein zentrales Lager zu errichten, in dem Kakao verarbeitet wird. Eine mehrstufige Qualitätskontrolle wurde etabliert und die 6 Basisgenossenschaften haben ihre Kapazitäten und ihre Funktionsweise verbessert.

2. Bessere Preise

In den letzten zwei Jahren hat FECCANO seinen Kakao für etwa 3.300 USD / Tonne verkauft, obwohl der Marktpreis zwischen 2000 und 2200 USD lag. Diese Preisdifferenz ermöglicht es den Genossenschaften, Bauern für Kakao etwa 30 Prozent mehr zu bezahlen als lokale Vermittler und trotzdem Investitionen (Trockner, Büros usw.) sowie Weiterbildungen finanzieren zu können.

3. Bio-Zertifizierung und Qualität

Heute sind 350 Produzenten und somit etwa 15 Prozent aller Mitglieder bio-zertifiziert. Die Herausforderung für FECCANO wird es in den kommenden Jahren sein, die Anzahl der zertifizierten Produzenten zu erhöhen. Der Austausch mit den Kooperativen aus Peru und Ecuador ermöglichte es den haitianischen Produzenten, die Kakao-Fermentation selbst zu steuern. In diesem Bereich gibt es noch Verbesserungspotenzial, aber es wurde viel errreicht.

4. Verbesserung der Produktion

Die größte Herausforderung für FECCANO besteht heute darin, die Produktivität der Parzellen zu erhöhen. Dies wird Gegenstand eines neuen Austauschs mit Produzenten aus Südamerika sein

In aller Kürze

  • Partner seit 2009
  • Zusammenschluss von 6 Kooperativen im Norden Haitis, in denen sich insgesamt mehr als 3.000 Kakaobauern zusammengeschlossen haben
  • Erhalt alter Kakaosorten
  • Süd-Süd-Wissenstransfer: Kakaobauern von Norandino in Peru und FONMSEOAM in Ecuador haben ihr Know-how an FECCANO-Produzenten weitergegeben
  • FECCANO war 2011 der erste Exporteur bio-zertifizierten Fair-Trade-Kakaos in Haiti

Produkte von FECCANO bei ETHIQUABLE

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